Nervensystemorientierte Arbeit mit Fokus auf Stabilisierung, Regulation und Pacing




Wenn Erholung erschwert ist 

Menschen mit ME/CFS erleben oft, dass ihr Körper bereits auf geringe körperliche, kognitive, emotionale oder soziale Belastungen mit einer deutlichen Verschlechterung reagiert. Aus Sicht des Nervensystems bedeutet das, dass Schutz- und Stressreaktionen aktiv sind. Regulation, Erholung und Regeneration werden dadurch erschwert und benötigen Zeit, bis sie sich wieder einstellen können.

In der Arbeit mit Somatic Experiencing bei ME/CFS geht es nicht um Aktivierung oder Leistungssteigerung.

Im Vordergrund steht vielmehr eine körperorientierte Arbeit mit dem Nervensystem, die darauf ausgerichtet ist, Stabilisierung zu ermöglichen, Regulation zu unterstützen und individuelle Belastungsgrenzen zu erkennen und respektieren.

Entscheidend für die Arbeit ist dabei immer das persönliche Anliegen.

Wie arbeitet Somatic Experiencing mit dem Nervensystem?

Somatic Experiencing arbeitet mit der bewussten Wahrnehmung dessen, was sich im Körper und im Nervensystem im jeweiligen Moment zeigt. Im Vordergrund stehen nicht Inhalte oder Erklärungen, sondern das direkte Erleben auf körperlicher Ebene.

Die Aufmerksamkeit kann sich dabei auf unterschiedliche Ebenen richten: auf Körperempfindungen, Spannungszustände, innere Bilder, Gefühle, Gedanken, Bewegungsimpulse und kleine Veränderungen im Befinden.  Allein dieses differenzierte Wahrnehmen kann bereits regulierend wirken.

Ein wesentlicher Aspekt der Arbeit ist das therapeutische Setting selbst. Durch soziale Verbindung, ein ruhiges Gegenüber, klare Rahmenbedingungen und das Erleben von Sicherheit im Außen kann  das Nervensystem unterstützt werden, sich zu entspannen und regulieren. Diese Form der Co-Regulation nutzt grundlegende Prinzipien der Polyvagaltheorie, eingebettet in die Arbeitsweise von Somatic Experiencing.

Im Kontext von ME/CFS steht dabei nicht das Aufarbeiten belastender oder traumatischer Erlebnisse im Vordergrund. Ziel ist vielmehr Stabilität, Orientierung und eine behutsame Regulation des Nervensystems. 

In manchen Situationen können auch sehr sanfte Elemente aus der craniosacralen Arbeit unterstützend sein. Berührung, Dauer und Intensität werden individuell angepasst und nur dann genutzt, wenn sie als stabilisierend und entlastend erlebt werden.

Weitere Informationen zur Arbeitsweise von Somatic Experiencing finden Sie hier:
→ Somatic Experiencing

Wenn Sie sich vertiefend für die Funktionsweise des Nervensystems interessieren, finden Sie weitere Informationen auf der Seite
→ Wie funktioniert unser Nervensystem?

Warum stehen Regulation und Stabilisierung in der Arbeit mit ME/CFS im Vordergrund?

Bei ME/CFS reagiert das Nervensystem häufig besonders sensibel auf innere und äußere Reize. Schon geringe körperliche, kognitive, soziale oder emotionale Belastungen können zu einer Verschlechterung führen.

Im Mittelpunkt steht deswegen die Frage, wie Überforderung vermieden und das bestehende System möglichst stabil gehalten werden kann. Regulation bedeutet hier nicht, einen bestimmten Zustand herzustellen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen sich das Nervensystem sicherer fühlt. 

Angepasste Rahmenbedingungen, ausreichend Pausen, individuelle Behandlungszeiten und ein Tempo, das sich an der aktuellen Verfassung orientiert sollen einen sicheren Rahmen schaffen, in dem Regulation überhaupt möglich wird.

In der Begleitung mit Somatic Experiencing geht es darum, das eigene Nervensystem besser kennenzulernen, seine Reaktionen zu verstehen und Warnsignale früher wahrzunehmen. Dieses Verständnis bildet die Grundlage dafür, Belastungsgrenzen einzuhalten und dem eigenen Körper achtsam zu begegnen und ihn zu schützen.

Was bedeutet Pacing im Zusammenhang mit Somatic Experiencing?

Pacing bezeichnet den achtsamen Umgang mit den eigenen Belastungsgrenzen. Es geht darum, Überforderung zu vermeiden und alle Aktivitäten so zu gestalten, dass sie in ihrer Summe unter dieser Grenze bleiben.

In der körper- und nervensystemorientierten Arbeit bedeutet Pacing vor allem, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was alles Energie kostet – nicht nur während der Begleitung selbst, sondern auch davor und danach. Vorbereitung auf einen Termin, Anreise, Wartezeiten, die Sitzung an sich und der Heimweg können für Menschen mit ME/CFS bereits eine erhebliche Belastung darstellen und müssen mitgedacht werden.

Pacing zeigt sich daher sehr konkret im therapeutischen Setting. Dazu gehört beispielsweise,  Positionen anzupassen – Liegen oder die Beine Hochlagern ermöglichen, wenn orthostatische Beschwerden bestehen oder Sitzen zu anstrengend ist -  oder Reize bewusst zu reduzieren - ein ruhiger Raum, gedämpftes Licht, Wartezeiten vermeiden usw.

Ebenso wichtig ist die Dosierung innerhalb der Begleitung. Die Dauer wird angepasst, Pausen sind jederzeit möglich, und manchmal steht die Arbeit über Berührung im Vordergrund, ohne viel zu sprechen. Auch Aufmerksamkeit kann dosiert werden – nicht alles muss gleichzeitig wahrgenommen oder benannt werden.

In diesem Sinn ist Pacing keine Technik, sondern eine grundlegende Haltung. Sie schafft einen Rahmen, in dem sich Sicherheit entwickeln kann und Regulation möglich wird, mit dem Ziel, das Nervensystem nicht zu überlasten.

Wie können Belastung und traumatische Erfahrungen bei ME/CFS entstehen?

Das Leben mit ME/CFS ist für viele Menschen mit Unsicherheit, tiefgreifenden Einschränkungen und grundlegenden Veränderungen im Alltag verbunden. Körperliche Symptome, plötzliche Verschlechterungen, sozialer Rückzug, eingeschränkte oder verlorene Arbeitsfähigkeit und der Verlust von Selbstverständlichem können über längere Zeit sehr belastend sein.

Auch Erfahrungen im medizinischen oder sozialen Umfeld können zur Belastung beitragen – etwa, wenn Symptome oder die Erkrankung nicht ernst genommen werden, Grenzen wiederholt überschritten werden oder Betroffene sich unter Druck gesetzt fühlen, mehr zu leisten, als möglich ist. 

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig zu verstehen, dass psychische Belastung und auch traumatische Erfahrungen nicht nur aus einzelnen Ereignissen entstehen. Häufig entwickeln sie sich aufgrund der Dauer und Intensität.

Wichtig ist zudem, dass manche Symptome eines dysregulierten Nervensystems jenen von Traumafolgestörungen oder psychischen Erkrankungen wie Depression ähneln können. Diese Ähnlichkeiten können dazu führen, dass Beschwerden missverstanden oder falsch eingeordnet werden.

ME/CFS ist jedoch eine körperlich bedingte Multisystemerkrankung. Die Veränderungen im Nervensystem sind Teil des Krankheitsgeschehens und nicht Ausdruck einer primär psychischen Erkrankung. Gleichzeitig können die anhaltenden Belastungen, Einschränkungen und der Umgang mit der Erkrankung sekundär zu psychischer Überlastung oder auch zu traumatischen Folgereaktionen führen.

Eine differenzierte Betrachtung ist daher wesentlich – um die körperlichen Grundlagen von ME/CFS ernst zu nehmen und zugleich die möglichen seelischen Folgen angemessen einzuordnen.

Als Mutter von Söhnen mit ME/CFS habe ich Einblick in die Herausforderungen, Schwierigkeiten und Grenzen, die diese Erkrankung für Betroffene und ihr Umfeld mit sich bringt.

Diese Erfahrung prägt meine Haltung in der Begleitung – mit besonderer Achtsamkeit für Sicherheit, Stabilisierung und Respekt von individuellen Grenzen.

Eine Frage der Haltung, nicht der Methode

Die Arbeit mit Somatic Experiencing im Kontext von ME/CFS ist weniger eine Frage bestimmter Techniken als eine Frage der Haltung. Im Mittelpunkt stehen Achtsamkeit, Zurückhaltung und Respekt vor den individuellen Möglichkeiten des Körpers und des Nervensystems.

Regulation, Stabilisierung und Pacing bilden dabei die Grundlage. Tempo, Dauer und Vorgehen orientieren sich konsequent an der aktuellen Verfassung und können jederzeit angepasst werden. Im Fokus stehen Sicherheit, Orientierung und der Schutz vor Überforderung.

In diesem Rahmen kann es sinnvoll sein, bei Bedarf auch sanfte Elemente aus der craniosacralen Arbeit oder einfache Impulse zur Unterstützung der Vagusregulation einzubeziehen. Diese werden nicht als eigenständige Methoden verstanden, sondern stets eingebettet in eine körper- und nervensystemorientierte Begleitung.

Wenn Sie an dieser Art der Begleitung interessiert sind, haben Sie die Möglichkeit, ein kostenloses Erstgespräch zu vereinbaren 

→kostenloses Erstgespräch