Veränderung braucht mehr als Beruhigung
Regulation ist wichtig. Sie hilft uns, bei innerer Anspannung oder Belastung mit uns selbst und unserer Umgebung wieder in Kontakt zu kommen. Dadurch erweitert sich nach und nach der Bereich, in dem wir etwas als herausfordernd erleben können, ohne sofort überwältigt zu werden oder uns zurückziehen zu müssen.
→ Mehr darüber, wie Regulation unterstützt werden kann, lesen Sie hier.
Genau dieser Spielraum ist eine wichtige Voraussetzung für Veränderung. Denn Veränderung kann vor allem dort entstehen, wo wir mit etwas in Kontakt kommen, das uns fordert, etwas in uns auslöst oder bekannte Reaktionsmuster aktiviert – und wir gleichzeitig noch wahrnehmen können, was gerade geschieht. Es braucht also ein gewisses Maß an Aktivierung des Nervensystems, bei dem wir dennoch handlungsfähig bleiben und mit uns selbst und anderen verbunden sind.
Erfahrungen prägen unsere Erwartungen
Was wir erlebt haben, beeinflusst, was wir in ähnlichen Situationen erwarten. Besonders Erfahrungen, die sich wiederholt haben, werden zu einer Art innerer Orientierung: Unser Nervensystem rechnet eher mit dem, was es bereits kennt.
Wenn wir beispielsweise häufig erlebt haben, dass unser Widerspruch zu Ärger, Ablehnung oder Rückzug des anderen führt, kann schon eine ähnliche Situation innere Anspannung und Angst auslösen. Das Erlebte prägt damit nicht nur unsere Erinnerungen, sondern auch unsere Erwartungen an das, was wieder geschehen wird.
Das ist grundsätzlich sinnvoll. Unser Gehirn nutzt Erfahrungen, um Situationen schnell einschätzen und uns auf mögliche Reaktionen vorbereiten zu können. Gleichzeitig können solche Erwartungen dazu führen, dass wir uns zurückziehen, Kontakt vermeiden oder in eigentlich sicheren Situationen mit Angst und Stress reagieren.
Veränderung braucht neue Erfahrungen
Damit sich solche Erwartungen verändern können, braucht es Erfahrungen, die etwas Neues hinzufügen. Entscheidend ist, dass wir innerhalb eines für uns bewältigbaren Maßes an Aktivierung etwas erleben können, das nicht ganz dem entspricht, was wir bisher kennen oder erwarten.
Wenn wir zum Beispiel einer anderen Person widersprechen und bereits mit Ärger oder Ablehnung rechnen, ist das vertraute Muster spürbar. Reagiert unser Gegenüber jedoch interessiert oder kann unsere Meinung stehen lassen, entsteht eine neue Erfahrung.
Solche Momente müssen nicht groß sein. Gerade kleine Unterschiede können unserem Nervensystem nach und nach zeigen: Es kann auch anders sein.
Wenn Veränderungen spürbar werden
Es macht einen Unterschied, ob wir nur feststellen: „Diesmal ist es anders gelaufen“ – oder ob wir einen Moment wahrnehmen, was sich dadurch in uns verändert.
Vielleicht wird die Atmung etwas freier, Spannung lässt nach, unsere Haltung verändert sich oder wir bemerken einen neuen Bewegungsimpuls. Vielleicht ist es auch einfach ein kurzer Moment von Überraschung.
Dabei geht es nicht darum, eine bestimmte Reaktion hervorzurufen. Interessant ist vielmehr:
Was fühlt sich gerade ein wenig anders an als sonst?
Wenn wir solchen kleinen Veränderungen Aufmerksamkeit geben, kann die neue Erfahrung deutlicher wahrnehmbar werden.
Neues wiederholen und in den Alltag übertragen
Eine einzelne neue Erfahrung verändert ein vertrautes Muster meist nicht sofort. Hilfreich ist, wenn wir Ähnliches wiederholt erleben und neue Erfahrungen nach und nach auch in unterschiedlichen Situationen machen können.
Vielleicht gelingt etwas zunächst mit einem bestimmten Menschen oder an einem Ort, an dem wir uns sicher fühlen. Später kann dieselbe Erfahrung auch in anderen Beziehungen, an anderen Orten oder unter etwas schwierigeren Bedingungen möglich werden.
So bleibt das Neue nicht an eine einzelne Situation gebunden. Unser Nervensystem sammelt nach und nach weitere Erfahrungen dafür, dass auch andere Reaktionen und Möglichkeiten verfügbar sind.
Auch im Alltag lohnt es sich deshalb, kleine Veränderungen bewusst wahrzunehmen:
Was war heute ein wenig anders als sonst?
Vielleicht war ein Gespräch leichter. Vielleicht konnten wir etwas aussprechen, das wir sonst zurückhalten. Vielleicht reagierte jemand anders als erwartet. Oder die eigene Reaktion war diesmal ein wenig anders.
Es geht dabei nicht darum, Schwierigkeiten auszublenden oder nur nach positiven Erfahrungen zu suchen. Vielmehr richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das, was neu ist und unser bisheriges Erleben erweitert.
Wenn Sie sich auf diesem Weg Begleitung wünschen oder einen Termin vereinbaren möchten, freue ich mich über Ihre Kontaktaufnahme.